"Aus der Leitung" Ein Dogma und seine Folgen

(Foto: unsplash_ddp)

 

Es geschah vor genau 150 Jahren: am 18. Juli 1870 verkündete das Erste Vatikanische Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes.

Dem Schritt waren intensive Diskussionen vorausgegangen und bis zum Schluss blieb eine Gruppe von Bischöfen bei ihrem Widerstand gegen diesen Schritt. Und um den Widerspruch nicht öffentlich zu machen, reisten 60 Bischöfe vor der entscheidenden Abstimmung im Konzil ab.

Man kann diesen Schritt der katholischen Kirche wohl nicht verstehen, wenn man nicht die Zeitumstände in Rechnung stellt: Die Katholische Kirche war in dieser Zeit enorm herausgefordert; Arbeiterbewegung und Sozialismus, moderne Wissenschaften, Nationalstaaten und liberale Demokratien…. Sie alle stellten auf verschiedene Weise die Kirche und ihren Anspruch, das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft zu prägen, fundamental in Frage. Angesichts dessen ging es darum, die Reihen zu schliessen, die Kirche als Bollwerk der «Wahrheit» zu etablieren.

Man kann auch beklagen, dass das Dogma bis heute immer wieder falsch verstanden wird, so als sei der Papst als Person und in jeder Frage einfach irrtumslos. Das war sicher nicht gemeint.

 

Ein «schwieriges Erbe»

Trotzdem – so meine ich – gehört das Dogma wohl zum schwierigen «Erbe» unserer Kirche:

Schon damals führte die Verkündigung der Unfehlbarkeit v.a. in der Schweiz und in Deutschland innerkirchlich zu anhaltenden Protesten und schliesslich zur Abspaltung der «altkatholischen» Kirche. Noch grösser ist meines Erachtens der langfristige Schaden: Sie hat Generationen von Intellektuellen der Kirche entfremdet, sie führte zu einer vorher nicht vorstellbaren Zentralisierung der katholischen Kirche und Gleichschaltung der Theologie. Es hat ohne Zweifel viel zu dem Auseinanderdriften von Gesellschaft beigetragen, das wir heute oft beklagen.

Und wir ringen bis heute mit diesem Erbe: Die Vorstellung einer «allein-selig-machenden Wahrheit», die noch dazu im Besitz einer Institution sein soll, ist heute kaum noch vermittelbar.  Ja mehr noch, der Anspruch der Unfehlbarkeit stellt die Kirche und ihre Verkündigung immer unter den Verdacht von Fundamentalismus und Intoleranz.

 

«Hinausgehen» und Dialog

Es ist in unserer Kirche, nicht zuletzt aufgrund der Impulse von Papst Franziskus, das Bewusstsein gewachsen, dass es darauf ankommt, «hinauszugehen» aus den eigenen Sicherheiten und Gewissheiten und hinzugehen zu den Menschen von heute, zu ihrem Suchen und Fragen. Es geht darum, in einen Dialog zu treten. In einem Dialog darf und soll man die eigenen Ansichten vertreten, aber man muss zugleich bereit sein, wirklich hinzuhören auf das, was mein Dialogpartner sagt. Wo einer schon immer weiss, wie die «richtige» Antwort lauten muss, wird es keinen Dialog geben. Bei all diesem Suchen und Fragen dürfen wir aber immer darauf vertrauen – und das ist der bleibende Kern des Dogmas – dass Gottes Geist uns begleitet und führt und uns in der Spur des Evangeliums hält. Mit diesem Vertrauen und dieser Zuversicht können wir uns den Herausforderungen unserer Zeit getrost stellen.

 

Mehr Lektüre zum Thema hier

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare (1)

  • Beatrice Durot
    Beatrice Durot
    am 19.07.2020
    Danke Bernhard für diesen wichtigen Beitrag.
    Wir dürfen und sollen uns eine Kirche gestalten die für uns stimmig ist. Wo Fragen wichtiger sein dürfen als pfannenfertigen Antworten.