"Aus der Leitung" Das neue Schreiben aus Rom

Foto: Chris Curry, unsplash

 

Ende Juli hat die Kleruskongregation eine Instruktion mit dem Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ veröffentlicht.

Ich habe das Dokument damals überflogen – und es mit einem Schmunzeln zur Seite gelegt. Zu unrealistisch erschien mir das Schreiben als dass ich es wirklich ernst nehmen wollte. Ich muss zugeben: ich habe die Wirkung dieses Schreibens unterschätzt. Es löste einen ziemlichen Aufruhr im theologischen Blätterwald aus, einige sonst eher konservative Bischöfe aus Deutschland haben sehr kritisch reagiert. Wirklich überrascht war ich, dass Gläubige und Engagierte frustriert und enttäuscht waren. Und schliesslich hat mich sogar ein Kirchenaustritt erreicht, in dem auf dieses Schreiben ausdrücklich Bezug genommen wurde: es schien, als wäre das Dokument der sprichwörtliche letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hätte.

Weil nur eher selten Austrittsschreiben auch begründet werden, antworten wir auf diese Schreiben immer. Und weil ich in meinem Brief auf das Dokument eingehe, möchte ich einen Teil dieses Briefs hier veröffentlichen  

 

«Sehr geehrte …..

In Ihren Schreiben haben Sie Ihren Austritt aus der Katholischen Kirche erklärt. Anders als viele andere haben Sie auch die Gründe dafür genannt. Deshalb erlaube ich mir eine Antwort, weil ich aus Ihren Zeilen auch die Sorge um eine – wie Sie schreiben – «moderne und demokratische» Kirche heraushöre…

 

Ich vermute, wir wären uns in vielen Fragen, die die Struktur unserer Kirche angehen, einig oder nicht weit voneinander entfernt. Auch für mich ist die Gleichberechtigung von Frauen in unserer Kirche eine Frage der Gerechtigkeit und der Glaubwürdigkeit und ich bin gerade auch aufgrund der Erfahrungen des Machtmissbrauchs in der Katholischen Kirche überzeugt, dass Wege der Mitsprache, der Kontrolle und Beschränkung von Macht gefunden werden müssen. Und ich sehe unsere Kirche auf diesem Weg, auch wenn dieser Weg in einer Kirche, die im Grunde noch eine mittelalterliche Organisations­struktur hat, sehr mühsam ist und von vielen Rückschlägen geprägt. Dazu zähle ich auch das letzte Schreiben aus Rom von der Kleruskongregation: Dieses Dokument ist meiner Meinung nach Ausdruck dieses Ringens, in dem die konservative Seite versucht, einen Pflock für das eigene Kirchenbild einzuschlagen. Es ist aber eine wirklich klerikale Verengung unseres Kirchenbilds und nicht umsonst haben selbst sonst konservative Bischöfe aus Deutschland energisch widersprochen.

 

Was ich aber häufig erlebe und auch verstehe, ist, dass viele gläubige Menschen auf diesem Weg, der von Fort- und Rückschritten geprägt ist, die Geduld und den Glauben an die Veränderung verlieren. Es geht mir manchmal ganz ähnlich. Was mich in dieser Kirche weiterhin hält, ist ganz sicher nicht die klerikale Struktur, sondern sind die Kraft, die Hoffnung und die Freude, die vom Evangelium ausgehen, sind viele Menschen, die freiwillig oder auch als Angestellte tolle Arbeit leisten, ist das viele Gute, das in und durch unsere Kirche vor Ort möglich ist. Das haben Sie im Übrigen mit Ihrer Kirchensteuer lange mitgetragen und dafür möchte ich Ihnen noch einmal ausdrücklich danken.

Wenn Sie das wünschen bin ich natürlich gerne zu einem Gespräch bereit.

 

Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und Gottes Segen!»

 

Vielleicht bin ich zu optimistisch oder blauäugig, was das Dokument aus Rom angeht. Ich lese es als Versuch von erzkonservativer Seite, das klerikale System unserer Kirche, zu bewahren und zu retten. Aber der Klerikalismus ist nicht zu retten – auch wenn es wohl noch lange heftige Auseinandersetzungen darum geben wird. Was ich aber zutiefst bedaure in diesem Ringen, ist, dass so viele Menschen die Freude und den Glauben an unsere Kirche verlieren.  Sie können offenbar nicht das viele Gute und Schöne an unserem Glauben und unserer Gemeinschaft sehen.

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Kommentare (1)

  • Ingrid Schmid
    Ingrid Schmid
    am 11.09.2020
    Dass die Leute die Trennung zwischen "Rom" und den Ortskirchen nicht machen, ist immer wieder betrüblich. Mit dem Austritt strafen sie ja gerade die Ortskirchen, die "modern und demokratisch" unterwegs sind, resp. sich alle Mühe geben.
    Danke für die Offenlegung des Antwortbriefs, lieber Bernhard!