Wenn der Sonntag zum Gefängnis wird

Was für eine Aussage in einem kirchlichen Blog. Ausgerechnet der Tag, der von den Christen als wichtigsten Tag der Woche gefeiert wird. Und der in der Gesellschaft als offiziell frei gilt: Sonntagsarbeit ist arbeitsrechtlich verboten.

Wie kommt es, dass der Sonntag zum Gefängnis wird?

Kürzlich schrieb mir ein Bekannter: „Ich krieg immer schlechte Laune, wenn am Sonntag schönes Wetter ist.»

Als ich klein war, fragte ich meinen Papa einmal, welcher Tag sein Lieblingstag sei.

„Freitagabend“, antwortete er.

Ich war so verdattert, dass ich vergass, "warum?" zu fragen.

"Warum ist Freitagabend dein Lieblingstag und nicht der Sonntag, Papa? Am Sonntag kannst du wandern gehen und das tust du doch so gerne…» hätte ich damals arglos und neugierig kommentieren können.

Mittlerweile kann ich die Frage selbst beantworten. Mit dem Sonntag stehe ich auch auf Kriegsfuss - nicht immer gleich stark, aber immer wieder mit erschreckender Klarheit. Es ist oft sonntags, wenn mich ein seltsames Gefühl beschleicht. An manchen Sonntagen ertappe ich mich dabei, wie ich besonders tief durchatme – und das nicht wegen eines berauschenden Erlebnisses.   

 

Dabei freue ich mich auf ihn.

 

Wenn samstags um 16 Uhr die Glocken übers Tal läuten, ist das ein feierlicher Moment für mich. Herrlich.

„So, jetzt darfst du die Gartenschere versorgen, unter die Dusche gehen und dann zum 17 Uhr-Gottesdienst spazieren. Und nachher zuhause eine Flasche Wein aufmachen.“

Oder direkt nach der Dusche eine Flasche Wein aufmachen.

 

Das Freuen auf den Sonntag funktioniert von Freitagabend bis Samstagabend. Bis Samstagnacht. Weil dann wahrscheinlich noch die Glocken nachhallen. Auch die Nacht zum Sonntag-Morgen, an dem ich gerne etwas länger schlafe, ist noch ok.

Es ist alles ok, noch alles so offen und heil, bis…

…ich anfange zu überlegen, was ich mit dem freien Tag anstellen möchte. Genau hier beginnt der Stress.

Drückt mir etwas den Hals zu. 

Ich glaube, ich werde dem nicht gerecht, was Gott zu Beginn der Welt gemeint hat: "Am 7. Tag sollst du ruhn."

 

Ruhen und nichts weiter

 

Was hast du damit für ein Problem, Frau? Es geht dir bestens, die Sonne scheint, du kannst einen ganzen Tag machen was dein Herz begehrt. Also bitte, geniess jetzt deinen freien Tag!

Dann hörte ich - an einem Montag auf dem Weg zur Arbeit - einen Podcast namens Sonntags-Neurose. 

*****

Was sind Sonntagsneurosen? Es sind merkwürdige, scheinbar unerklärliche Befindlichkeitsstörungen. Sie treten gerade dann auf, wenn ein Mensch sich nach gängiger Erwartung besonders gut, entspannt oder frei fühlen solle:

In seiner Freizeit, klassischerweise am Sonntag.

Typisch ist ein Gefühl von Lustlosigkeit, Elend und Niedergeschlagenheit, manchmal auch eine seltsame Bangigkeit oder Dünnhäutigkeit bis hin zu einer kaum erträglichen Leere oder Angstzuständen.

Manchmal herrscht ein Gefühl unsagbarer Melancholie und Sehnsucht vor, manchmal psychosomatische Symptome, manchmal aber auch rastloser Tätigkeitsdrang.

*****

Als Melanie mich anrief, um mich zu fragen, ob ich hin und wieder auf kath-kriens.ch bloggen würde, antwortete ich deshalb gleich:

"Klar. Ich mache einen Sonntagsblog."

Ich gehe der Frage auf den Grund, was es ist, dass der Sonntag zum Gefängnis wird.

 

Wie sollte das richtige Sonntags-Gefühl sein?

 

Ich möchte wissen, wie wir es anstellen können, dass der Sonntag uns so ein Gefühl bescheren kann wie es Juliette Gréco in ihrem Chanson «Je haie les dimanches» - «Ich hasse die Sonntage» beschrieben hat:

 

Tous deux

Main dans la main

Sans chercher à savoir

Ce qu'il y aura demain.

 

Zu zweit

Hand in Hand

Ohne danach zu suchen

Was morgen sein wird.

 

Wie hast du es mit den Sonntagen? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

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