Vom Tod und vom Leben

In meiner Arbeit als Seelsorgerin stehe ich regelmässig an Gräbern. Nicht erst seit der Pandemie, wo wir plötzlich auf viele «öffentliche» Formen verzichten müssen.Ich habe oft mit dem Tod zu tun und mit dem, was er mit den «Hinterbliebenen» anrichtet. Mein Grossvater, der als Bauer «Liit z’ Chilä treit hed» (Menschen zu Grabe getragen und sie begraben hat) hat immer gesagt, dass das Schönste am Tod sei, dass der Reichste neben dem Ärmsten zu liegen käme und alle an den gleichen Ort hin gelangten. Der Tod mache keinen Unterschied. Mein Grossvater war übrigens ein sehr fröhlicher Mann und immer zu einem Spässchen aufgelegt.

Meine Aufgabe sehe ich eher darin, den Menschen einen würdigen Abschied zu bereiten. Die Trauer auszuhalten und ihr einen Boden zu geben, ist der Sinn, den ich in den Feiern sehe. Es geht um die Würdigung des Lebens (der Verstorbenen und derer, die mit ihnen gelebt haben) und damit sind wir mitten im vollen Leben!

Im Vorgespräch zur Gestaltung der Trauerfeier ist es mir wichtig, etwas über das Leben der Verstorbenen zu erfahren. Dabei interessiere ich mich besonders für die Leidenschaften und die prägenden Erfahrungen in den Leben der Menschen. Ich suche mit den trauernden Menschen nach Spuren des Lebens, nach Verbindungen, die weiterbestehen können. Nach Puzzleteilen für das Bild des grossen Ganzen, das im Moment neu entsteht. Ich bin mir dabei bewusst, das Leben geht für manche der Menschen, die bei mir sind, ganz und gar anders weiter und für andere wiederum ändert sich relativ wenig. Das hat mit den Beziehungen und den Erfahrungen der Menschen, eben mit dem gelebten Leben zu tun. In vielen Gesprächen erzählen mir die Menschen lustige Geschichten, die sie mit den Verstorbenen erlebt haben, so dass wir alle herzlich lachen können. Weinen und Lachen sind oft sehr nah. Alles hat Platz.

Nach den Gesprächen und den Feiern bin ich oft sehr dankbar, über den Einblick in die Leben, die ich erhalte. Ich freue mich über die spürbaren Zeichen von erlebter Liebe, die ihren Ausdruck findet, manchmal in kleinen Gesten. Ich staune über die Fähigkeit mancher Menschen, trotz schwerer Schicksalsschläge ein glückliches, sinnerfülltes Leben zu führen. Ich bin berührt über Zeichen der Versöhnung, die während des Sterbeprozesses möglich wurden. Alles ist jetzt gut, höre ich dann. Oder jetzt hat alles einen Sinn bekommen.

Manchmal bin ich wütend über den Schöpfergott, wenn ich spüre, dass Menschen an zu viel Leid und Unglück im Leben zerbrochen sind. 

Im letzten Blog hat Thomas Portmann über Segen und Fluch geschrieben die in der Bibel ihren Ausdruck finden. Dies hat mich veranlasst, über den Tod als Konzentrat, der vielfältigen Erfahrungen des Lebens, zu schreiben. Am Ende der Suche, und der Frage nach Gott, steht keine Antwort, sondern eine Umarmung. (Dorothee Sölle) Dieser Satz von Dorothee Sölle begleitet mich seit einiger Zeit, und ich finde ihn sehr passend: Umarmt mich doch im Tod das Leben! 

 

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