Aus der Leitung - Eine “nutzlose” Kirche?!

Bild: unsplash, gary meulemans

 

Vor kurzem habe ich ein Buch gelesen, in dem ein Philosoph die Situation von Religion und Kirche in der modernen Gesellschaft reflektiert. Nach vielen gelehrten Betrachtungen kommt er ganz zum Ende des Buchs zum Schluss, dass Religion in modernen Gesellschaften “nutzlos” geworden sei. Nutzlos, in dem Sinne, dass es Religionen nicht mehr braucht für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Weil es keinen gemeinsamen, alle verbindenden Überzeugungen mehr gebe, brauche es auch keine Institution mehr, die diese übergreifenden Überzeugungen und Werte bewahrt und vertritt. Nutzlos auch in dem Sinn, dass die vielen sozialen Aufgaben, die die Kirchen in unserer Gesellschaft wahrgenommen haben und immer noch wahrnehmen, inzwischen vom Staat oder anderen Gruppen übernommen worden sind.

 

Ich muss gestehen, dass mich diese Aussage einerseits nachdenklich gemacht, aber auch gewurmt hat. Zugegeben: Kirche hat in den letzten Jahr(zehnt)en massiv an Bedeutung verloren. Kaum jemand wartet darauf, dass die Kirche in wichtigen ethischen Fragen Stellung bezieht und in der Corona-Krise rangierten die Anliegen der Kirchen zunächst weit hinter jenen der Beizen. Und es wird zunehmend schwieriger, als Kirche von wichtigen Institutionen in der Politik, Kultur oder Wirtschaft wahr- und ernstgenommen zu werden. Insofern trifft das Buch schon einen wichtigen – und auch wunden – Punkt.

 

Aber die „Nutzlosigkeit“ der Kirche hat auch etwas Befreiendes: Jesus hat nicht eine Institution gegründet, die Religionsunterricht erteilt, neue Gebäude einsegnet, Rituale an Lebenswenden anbietet, Tausende von Angestellten hat usw. Er hat sich Menschen in Not zugewendet, er hat seine Botschaft von einem liebenden Gott verkündet, er hat Kritik an den Mächtigen geübt, hat sich mit Menschen an einen Tisch gesetzt, die völlig am Rande waren. Die „Nutzlosigkeit“ von Kirche fordert uns heraus, uns neu darauf zu besinnen, wo es uns wirklich braucht als Kirche.

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Kommentare (2)

  • Munsch Nelly
    Munsch Nelly
    am 12.06.2021
    Solange die katholische Kirche nicht einsichtig ist, die Frauen besser zu integrieren und den Priestern die Wahl zwischen Zölibat oder Heirat verwehrt, wird die katholische Kirche immer mehr Gläubiger verlieren.
    Herzliche Grüsse
    Nelly Munsch
    • Bernhard Waldmüller
      Bernhard Waldmüller
      am 14.06.2021
      Ich stimme zu, insofern der Ausschluss der Frauen vom Amt in der Kirche die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche beeinträchtigt. Aber es wird nicht genügen: sonst - darauf weisen Konservative immer wieder hin - müsste ja in den reformierten Kirchen alles bestens laufen. Tut es aber nicht.
      Entscheidend wird sein, dass Kirche (und das müssen alle sein) an den Orten da ist, wo Menschen sie brauchen.