Wort zum Sonntag - Machtmissbrauch

unsplash, Coroa Vermelha Beach

Mein letzter Beitrag beim «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen ist ein Kommentar zur gegenwärtigen Krise unserer Kirche. Diese Krise hat aus meiner Sicht viele Ursachen: eine ist der Umgang mit dem Thema «Macht» in der Kirche.

 

In den letzten Wochen war die Römisch-Katholische Kirche – wieder einmal – negativ in den Schlagzeilen. In der Nähe von ehemaligen Internaten für Kinder von Ureinwohnern in Kanada hat man die die sterblichen Überreste von zahlreichen Kinder gefunden. Viele dieser Heime wurden im Auftrag des kanadischen Staates, unter anderem auch von katholischen Geistlichen geführt. Man wollte diese Kinder ihrer eigenen Kultur entfremden, sie in eine «christliche» Kultur hineinführen. Es erinnert an ähnliche Vorfälle in Irland und es reiht sich ein in die lange Reihe von sexuellen Übergriffen und Gewalt, die meine Kirche erschüttern und in eine schier unglaubliche Krise geführt haben. In Kanada hat es sogar Brandanschläge auf katholische Kirchen gegeben.

 

Diese zahlreichen Vorfälle haben viele verschiedene Ursachen. Eine davon ist, dass es hier in meinen Augen auch um eine Geschichte des Missbrauchs von Macht geht.

Denn sexuelle Übergriffe und Gewalt – in der Kirche genauso wie in Sportverbänden, in Familien oder Medienunternehmen – geschehen  dort, wo einseitige Machtverhältnisse herrschen; wo die Opfer sich nicht wehren können, wo sie nicht gehört werden, wo ihnen nicht geglaubt wird; wo die Täter eine Autorität innehaben, die es fast unmöglich macht, sie in Frage zu stellen.

Deshalb muss sich jede Institution, die sexuelle Übergriffe oder Gewalt in ihren Reihen möglich gemacht hat, der Frage nach der Macht stellen: wie ist Macht verteilt, wie wird sie begründet und v.a. wie wird sie kontrolliert? Gibt es Mechanismen, die dem Machtmissbrauch entgegenstehen?

 

Und hier ist die Römisch-Katholische Kirche in besonderer Weise gefordert: denn bis heute funktioniert sie mehr oder weniger wie ein mittelalterlicher Feudalstaat, in der z.B. ein Bischof zugleich Gesetzgeber, Richter und Regierung ist, in der – wie im Mittelalter – ein kleiner, privilegierter Stand alle Macht auf sich vereinigt und diese völlig einseitige Machtverteilung auch noch spirituell überhöht – als hätte Gott das genau so gewollt. Woran ich persönlich sehr zweifle.

Kaum ein Mensch, der in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen ist, kann das noch in irgendeiner Weise nachvollziehen. Das gilt nach meiner Erfahrung für die Menschen ausserhalb der Kirche, die bestimmte Vorgänge nur noch mit ungläubigem Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen können, das gilt aber ebenso für die meisten Menschen innerhalb meiner Kirche.  Für alle ist klar: Macht muss man teilen, Macht muss man kontrollieren, Menschen in Machtpositionen, die grobe Fehler machen, muss man zur Rechenschaft ziehen oder aus ihrem Amt entfernen können…

 

Ich will betonen und ich weiss aus eigener Erfahrung, dass die Schweizer Bischöfe viel unternommen haben, um den Betroffenen sexueller Gewalt Anerkennung zu verschaffen und Übergriffe in der Zukunft zu verhindern.

 

Und doch muss sich die Römisch-Katholische Kirche in der Schweiz und weltweit diesen Fragen nach der Macht stellen. Sonst hat sie die Lehren aus dieser Krise nicht gezogen.

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