"Enclos paroissial"

(Bild: Kreuzweg Christi - Ausschnitt aus dem "Calvaire" in Cléden-Poher in der Bretagne / Foto: Thomas Portmann)

So nennt man in der Bretagne ein spätmittelalterliches ummauertes Gebäude-Ensemble bestehend aus Kirche, Beinhaus und «Calvaire». Letzteres, der «Kalvarienberg», ist eine oft figurenreiche plastische Darstellung des Leidens und Sterbens Christi. Die eingefriedeten Pfarrbezirke, wie man sie in deutscher Sprache nennt, sind Zeugnisse sowohl des Glaubens als auch des durch Handel erlangten Wohlstands der damaligen Dörfer und Städte. Treffend werden darum diese sakralen Denkmäler in einem online-Beitrag mit «Glaube, auf Granit gebaut» bezeichnet. Tatsächlich haben die Enclos paroissiaux Jahrhunderte überdauert und gehören heute zum reichen kulturhistorischen Erbe der Bretagne. Im vergangenen Sommer hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen einer Ferienreise einige dieser eindrücklichen Stätten zu besuchen und zu bestaunen. Und beim Nachsinnen über diese altehrwürdigen Gemäuer ging mir auch ein Gedanke im übertragenen Sinne durch den Kopf. Dass nämlich die Kirche an und für sich das Gegenteil eines «eingefriedeten Pfarrbezirks» sein sollte. Denn nur so kann sie dem Kerngehalt der Reich-Gottes-Botschaft gerecht werden. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hat sich jedoch die offizielle katholische Kirche als Bollwerk wider die Zeichen der Zeit verstanden und präsentiert. Erst das II. Vatikanische Konzil vermochte diese Abschottung, diese Einfriedung zu durchbrechen, in dem es den Blick weg von dogmatischen Verlautbarungen hin zu den Ängsten und Sorgen, den Freuden und Hoffnungen der Menschen richtete. Und heute? Wo stehen wir heute auf diesem Weg? Papst Franziskus ruft im Monat Oktober zu einem weltweiten synodalen Prozess auf, zu einem «gemeinsamen Gehen» in der Gestaltung der Kirche der Zukunft. Wohin führt dieser Weg wohl? Gibt es überhaupt noch einen Weg? Ich hoffe fest, dass all die Aufbrüche, die dieser synodale Prozess in Gang bringen wird, nicht im «Enclos paroissial» der kirchlichen Institutionen erstickt werden.

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!