Wort zum Sonntag - Das Leben ist bunter als ein Fantasyfilm

Bild: www.imdb.com

 

Ich gebe es offen zu: ich schaue gerne mal Filme oder Serien auf Streaming-Diensten. Und beim Suchen bin ich auf eine Serie gestossen, an deren Titel ich sofort hängen geblieben bin. Sie heisst «warrior nun», also übersetzt “Kriegernonne” und handelt von einer jungen Frau, die aus dem Tod zurückgeholt wird, um gegen das Böse zu kämpfen. Und jede Folge der Serien hat eine Bibelstelle als Titel.

 

Als Theologe hat es mich fasziniert, wie hier in einem Fantasyfilm christliche bzw. religiöse Motive, Themen, Symbole verwendet werden. Und es hat mich an Serien wie Game of Thrones oder Herr der Ringe erinnert. Auch da finden sich sehr viele religiöse Bezüge.

 

Meine Vermutung ist: diese religiösen Bilder und Motive werden deswegen verwendet, weil es in all diesen Filmen immer um einen ganz grundsätzlichen Kampf geht: um den Kampf Gut gegen Böse, der Kampf Licht gegen Dunkelheit. Und in einem solchen Kampf da gibt es keine Kompromisse, es geht immer um Leben oder Tod, um das Wohl und Wehe der ganzen Welt.

 

Aber: wenn ich manchmal Wahlkämpfe oder Abstimmungskämpfe oder politische Diskussionen auf den sozialen Medien betrachte, dann beschleicht mich das Gefühl, mitten in einem solchen Fantasyfilm zu sein, wo es eben auch um Leben und Tod zu gehen scheint, wo es nur Schwarz oder Weiss zu geben scheint.

 

Da werden Andersdenkende oder solche, die schwierige Entscheidungen treffen müssen, grob verunglimpft; und es ist noch milde, wenn sie nur als dumm oder verantwortungslos oder inkompetent betitelt werden. Und ganz besonders gerne wird immer das Ende beschrieben: das Ende der Freiheit und der Demokratie, das Ende des Wohlstands, das Ende des Planeten, das Ende der humanitären Tradition usw. Da redet ein Parteipräsident von einem “Krieg”, den man gegen “Schmarotzer” führen müsse.

 

Und wenn das stimmt, wenn wirklich um alles oder Nichts geht, dann darf man auch mit allen Mitteln kämpfen, dann darf man gar keine Rücksicht mehr nehmen – und man muss es mit der Wahrheit auch nicht so genau nehmen, man darf unsäglich Nazi- oder DDR-Vergleiche anstellen.

 

Meine Erfahrung ist eine andere. Das Leben ist vielschichtiger als ein Fantasy-Film. Ich kann Schwarz und Weiss, Gut und Böse fast nie einer Person oder einer Sache zuordnen. Praktisch immer finde ich auch bei jenen, die eine völlig andere Meinung als ich vertreten, gute Argumente und lautere Motive. Und wenn ich sie nicht auf den ersten Blick sehe, dann versuche ich ganz bewusst, dem anderen genau diese wahrhaftigen und lauteren Motive zu unterstellen. Und zwar bis zum Beweis des Gegenteils. Ich kann auf diese Weise anderen ganz anders begegnen.

 

Und wenn ich mich dann immer noch zu sehr aufrege über irgendjemanden, dann mahnt mich ein Wort von Jesus. Er sagt: “Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?”

 

https://www.srf.ch/play/tv/sendung/wort-zum-sonntag?id=5a841437-ed70-4d41-ad16-44a92ef91417

 

 

 

 

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