Wort zum Sonntag - Mensch werden

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«Ist der Mensch zur Zerstörung der Welt verdammt?» Mit dieser Frage beginnt ein Artikel in einer Tageszeitung dieser Woche. Es ist ein Blick in die Menschheitsgeschichte; immer wieder hat der Mensch andere Arten ausgerottet und Lebenswelten zerstört. Liest man das, stellt sich die Frage, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, der Selbstzerstörung in der Klimakatastrophe auszuweichen. Und so wie es an der Klimakonferenz in Glasgow zu und her ging, erscheint einem dieser Zweifel am Menschen mehr als berechtigt. Warum sind wir nicht fähig zu handeln und zwar im Grossen wie im Kleinen – obwohl uns die Folgen so deutlich vor Augen stehen?!

 

Vielleicht deswegen, weil es die Menschen im Süden viel härter trifft als uns in der Schweiz? Oder weil wir die Kosten eines energischen Handelns bequem an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben können? Also warum sollte ich heute mehr fürs Benzin oder Heizöl bezahlen oder aufs Fliegen verzichten? Es sollen doch zuerst die anderen…

 

Ich gebe zu: ich bin manchmal ratlos, oft zweifle ich an uns Menschen. Nicht nur beim Thema Klima, sondern auch wenn ich zum Beispiel sehe, was an den Grenzen Weissrusslands geschieht. Mit welchem Zynismus Flüchtlinge für ein politisches Spiel missbraucht werden, mit welcher Härte die andere Seite reagiert. Soviel Un-Menschlichkeit!

 

Heisst Mensch sein denn nicht im Gegenteil Mitleid zu haben, sich berühren zu lassen von der Not des anderen? Heisst Mensch-Sein denn nicht teilen, Verantwortung zu übernehmen, heisst es nicht auf Konsum zu verzichten, damit unsere Kinder noch eine lebenswerte Welt vorfinden? Die grosse Frage «Was ist der Mensch?» sie beantwortet sich in vielen kleinen Dingen: darin, wie ich mich fortbewege und was ich kaufe; darin, ob ich angesichts der Not bereit bin, etwas zu teilen, ob ich auf einen anderen Menschen zugehe und ihm oder ihr die Hand reiche…

 

Und da sehe ich so viel echte Menschlichkeit um mich herum: im Kleinen und im Grossen. Die Dichterin Rose Ausländer, die als Jüdin aus ihrer Heimat fliehen musste, die Verfolgung und wahrlich viel Un-Menschliches erlebt hat, sie formuliert es so:

 

Immer sind es die Menschen
Du weisst es
Ihr Herz
ist ein kleiner Stern
der die Erde beleuchtet

 

Man kann nur staunen, wie viel Hoffnung, wie viel Vertrauen an den Menschen hier zum Ausdruck kommt. Trotz schlimmster Erfahrungen hat sie den Glauben an den Menschen nicht verloren.

 

Heute beginnt der Advent, die Zeit auf Weihnachten hin, dem Fest der Mensch-Werdung. Es ist eine Zeit, die uns die uralte Frage stellt: was heisst es, angesichts all dessen, was um uns geschieht – Mensch zu werden und Mensch zu bleiben.

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit!

 

https://www.srf.ch/play/tv/sendung/wort-zum-sonntag?id=5a841437-ed70-4d41-ad16-44a92ef91417

 

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